Für den Großteil der Welt beginnt das neue Jahr am 1. Januar. Für die Êzîdî jedoch, eine kurdischsprachige Gemeinschaft mit Angehörigen im Irak, in Syrien, der Türkei und in der Diaspora weltweit, beginnt das Jahr an einem Mittwoch im April, wenn die Sonne zum ersten Mal die Erde berührt und den Himmel rot färbt.
Das ist Çarşema Serê Nîsanê – auch bekannt als Çarşema Sor, also „Roter Mittwoch“ – eines der ältesten und heiligsten Feste der Menschheitsgeschichte. Es ist nicht nur ein Neujahrsfest. Es ist ein Moment, in dem nach êzîdischem Glauben die Schöpfung vollendet wurde und die spirituelle und die natürliche Welt einander am nächsten kamen.
Wer sind die Êzîdî?
Die Êzîdî sind eine kurdischsprachige Glaubensgemeinschaft mit einem einzigartigen Platz in der religiösen Landschaft des Nahen Ostens. Obwohl viele Êzîdî Kurdisch sprechen und sich ethnisch als Kurden verstehen, unterscheidet sie ihr Glaube, auf Kurdisch Êzdiyatî genannt, von der überwiegend sunnitisch-muslimischen kurdischen Bevölkerung.
Vor dem Angriff des Islamischen Staates auf Şengal (Sinjar) im Jahr 2014 lebten rund 700.000 Êzîdî vor allem im Nordirak. Heute ist ihre Zahl dort auf unter 500.000 gesunken, viele sind vertrieben, ermordet oder leben in der Diaspora. Die êzîdische Gemeinschaft hat über Jahrhunderte Verfolgung erlebt, zum Teil aufgrund grundlegender Missverständnisse ihres Glaubens.
Das Wort „Êzîdî“ geht auf Ezda zurück, einen der vielen Namen Gottes im Êzîdentum. Es bedeutet „der, der mich erschaffen hat“ und verweist auf die zentrale Überzeugung, dass Gott alles erschaffen hat, auch die Êzîdî selbst.

Der Glaube: Licht, Natur und Verantwortung
Im Mittelpunkt des Êzîdentums steht eine tiefe Verbundenheit mit der Natur. Gott (Xwedê) hat die Erde aus göttlichem Licht erschaffen, und jedes Lebewesen trägt einen Funken dieses Lichts in sich. Dieses Licht kann nur durch Vernunft und bewusste Entscheidung entfaltet werden.
Anders als viele Religionen erhebt das Êzîdentum keinen Absolutheitsanspruch. Ein bekannter Ausspruch lautet: „Gott, schütze die 72 Völker und auch uns.“ Die 72 Völker stehen für alle Glaubensgemeinschaften und Bevölkerungsgruppen, ein Bekenntnis zur Pluralität der Wahrheit.
Zentral im êzîdischen Glauben ist die Figur des Tawisî Melek, des Pfauenengels oder „Gottes Engels“. Er ist kein Teufel und kein Dämon, wie fälschlicherweise behauptet wurde, sondern der oberste Erzengel und Vertreter Gottes auf Erden – mehr noch: Tawisî Melek gilt als Hypostase des Schöpfers, als eine Form Gottes selbst in der êzîdischen Trinität. Er verkörpert Mut, eigenständiges Denken und moralische Verantwortung.
Drei Grundtugenden leiten die êzîdische Ethik: rastî (Wahrheit und Gerechtigkeit), şermî (Respekt und Scham, also die Sorge, anderen nicht angemessen zu begegnen) und nasîn (Wissen und Weisheit).

Çarşema Serê Nîsanê: Der Tag, an dem die Schöpfung vollendet wurde
Nach êzîdischer Überlieferung vollendete Gott am ersten Mittwoch im April, Çarşema Serê Nîsanê, die Schöpfung der Erde. An diesem Tag erreichten die Sonnenstrahlen zum ersten Mal die Erde und tauchten das Firmament in rötliches Licht. Es war auch der Tag, an dem Tawisî Melek auf die Erde herabkam, um ihr Leben einzuhauchen und sie für alle Lebewesen zur Blüte zu bringen.
Das Fest steht dabei in einer langen Tradition altorientalischer Neujahrsfeste. Es ist dem Akitu-Neujahrsfest der Sumerer und Babylonier verwandt, das bereits im dritten Jahrtausend vor Christus gefeiert wurde. Elemente dieser Feiertradition gelangten über das Judentum in das Christentum und entwickelten sich zum heutigen Osterfest – ein Zeugnis für die Tiefe und den Einfluss, den das êzîdische Festkalendarium in der Geschichte der Menschheit hatte.
Der Name ist bedeutungsvoll: Çarşem setzt sich aus den kurdischen Wörtern für „vier“ und „Woche“ zusammen und bezeichnet den Mittwoch als vierten Wochentag. Da der êzîdische Kalender dem gregorianischen Kalender um 13 Tage nachgeht, fällt Çarşema Serê Nîsanê auf den ersten Mittwoch ab dem 14. April im gregorianischen Kalender. In diesem Jahr wird es am 15. April gefeiert.
Ein Tag der heiligen Stille
Das Besondere an Çarşema Serê Nîsanê ist auch das, was Êzîdî an diesem Tag nicht tun. Der gesamte Monat April, auf Kurdisch Nîsan genannt, gilt als heilig – er ist die Braut des Jahres, Bûka Salê. In dieser Zeit wird nicht geheiratet. „Nur die Engel heiraten im April“, so die Überlieferung. Die Erde wird nicht gestört, kein Pflügen, kein Graben, denn sie gilt als vollendet und heilig.
Der Mittwoch hat im Êzîdentum eine besondere Bedeutung. Er ist der Ruhetag der Êzîdî, ähnlich dem Sonntag für die Christen. Tawisî Melek soll jeden Mittwoch auf die Erde kommen, um Segen und Freude zu bringen.

Die Bräuche: Vorbereitung und Gemeinschaft
Bereits am Vorabend des Festes beginnen die Vorbereitungen. In vielen Familien werden das Gebäck Kulîçe und das Brot Sewke gebacken und an Nachbarn und Bedürftige verteilt – ein Ausdruck von Großzügigkeit und Gemeinschaftssinn, der zum Wesen des Festes gehört.
Am Morgen des Festtages werden zunächst die Gräber der Verstorbenen besucht, um ihrer zu gedenken. In der Regel wird ein solcher Besuch von einem jesidischen Würdenträger begleitet, der heilige Texte zu Ehren der Verstorbenen vorliest. Anschließend sammeln Gläubige Aprilblumen und hängen sie als Bündel über die Haustür – ein Brauch, der bis in die Zeit der Babylonier zurückreicht.
Die Symbole: Eier, Licht und Erneuerung
Die Bildsprache von Çarşema Serê Nîsanê ist bedeutungsreich.
Bemalte Eier stehen im Mittelpunkt des Festes. Sie symbolisieren das Dur, die „Urperle“, aus der nach êzîdischer Kosmologie alles materielle Sein hervorgegangen ist. Nach êzîdischer Schöpfungsmythologie erschuf Gott aus seinem göttlichen Licht eine weiße Perle. Als sie aufbrach, entstand das materielle Universum. Das Ei mit seiner Schale und seinem Inhalt symbolisiert diese Verwandlung, den Weg vom Potenzial zum Leben.
Die verwendeten Farben, Rot, Weiß, Grün und Gelb, tragen jeweils eine Bedeutung. Rot steht für Blut und Leben, Weiß für Reinheit, Grün für die Natur und Gelb für die Sonne. Familien bemalen Eier und stellen sie in Fenster und auf Türschwellen als Zeichen des Schutzes und des Neubeginns. Die Bauern gehen am selben Tag auf ihre Felder und verstreuen die bunten Eierschalen, damit das Land in diesem Jahr eine reiche Ernte bringt.
Das Licht ist vielleicht das heiligste Symbol. Am Abend von Çarşema Serê Nîsanê versammeln sich Êzîdî im Heiligtum Lalish im südlichen Kurdistan (Nordirak), um Öllampen, die Çira, zu entzünden. Dabei spielen Frauen als Hüterinnen des Feuers eine besondere Rolle. Diese Lichter begrüßen das neue Jahr und ehren den Sieg des Lichts über die Dunkelheit.
Das Bazinbar: Das Frühlingsband

Würdenträger verteilen Bazinbars, aus Baumwollfäden in Rot und Weiß geflochtene Armbänder, an die Gemeinschaft. Oft werden sie mit Wasser aus der Kaniya Spî („Weißen Quelle“) in Lalish gesegnet. Sie sollen ihre Trägerinnen und Träger vor Unglück und Krankheit schützen. Der Überlieferung nach darf man sich etwas wünschen, wenn das Armband von selbst abfällt.
Der Beginn einer Festsaison
Çarşema Serê Nîsanê ist nicht nur ein einzelner Feiertag, sondern der Auftakt zu einer ganzen Festsaison. Nach dem Neujahrs-Cejin werden in den êzîdischen Dörfern einen Monat lang die Heiligen-Feste gefeiert, die sogenannten Tewaf. Êzîdî bilden riesige Reigen und tanzen zur Musik. In Lalish rezitieren Priester Gebete und heilige Hymnen, und nachts werden überall im Lalish-Tal Dochte an den Wänden der Tempelstadt entzündet.
Überleben und Identität
Für die Êzîdî von heute trägt Çarşema Serê Nîsanê ein Gewicht, das über seine spirituelle Bedeutung hinausgeht. Die Gemeinschaft hat über Jahrhunderte Verfolgung erlitten, von der osmanischen Zeit bis in die Gegenwart. Der Genozid des Islamischen Staates 2014 tötete Tausende und vertrieb Hunderttausende.
In diesem Kontext wird das Feiern von Çarşema Serê Nîsanê zu einem Akt des Widerstands und der Kontinuität. Es ist eine Erklärung, dass das êzîdische Volk und sein uralter Glaube überleben werden. Das Entzünden der Lampen, das Bemalen der Eier, das Tragen der Frühlingsbänder: Das sind keine bloßen Rituale. Es sind Bekenntnisse zu Identität, Erinnerung und Hoffnung.
Çarşema Serê Nîsanê ist mehr als ein Neujahrsfest. Es geht um Überleben, Identität und die Kontinuität eines uralten Volkes.

Ein Glaube für unsere Zeit
In einer Welt, die oft von religiösen Absolutheitsansprüchen geprägt ist, bietet das Êzîdentum eine andere Perspektive. Es lehrt, dass Wahrheit plural ist, dass alle Menschen göttliches Licht in sich tragen und dass jede Person für ihre eigenen moralischen Entscheidungen verantwortlich ist. Es ehrt die Natur als heilig und anerkennt die Gleichheit aller Lebewesen, denn die Sonne macht, wie der Segen Gottes, keinen Unterschied zwischen Arm und Reich, Gläubigen und Nichtgläubigen.
Wenn Êzîdî an Çarşema Serê Nîsanê ihre Häuser reinigen, Lampen entzünden, Eier bemalen und zur Sonne beten, markieren sie nicht einfach einen Kalenderwechsel. Sie bekräftigen ein Weltbild, das seit über 4.000 Jahren Bestand hat: dass die Schöpfung heilig ist, dass Licht über die Dunkelheit siegt und dass jeder Mensch die Kraft und die Verantwortung hat, das Richtige zu tun.
