Am 2. Juli 2024 ermordete der Ehemann von Cemile Yıldız die gemeinsamen Kinder DoÄŸa (11) und Yağız (14) in Ankara. Zuvor hatte er Yıldız mehrfach damit gedroht, sie und die Kinder zu töten, nachdem sie ihm mitgeteilt hatte, sie wolle sich scheiden lassen. Ermittler fanden später eine Nachricht auf seinem Handy: „Ich werde dir eine Überraschung bereiten, nach der du dir den Tod wünschst.“ Er zwang den Sohn, die Mutter per Videoanruf zu kontaktieren, bevor er auch ihn erschoss. Anschließend nahm er sich selbst das Leben.
Trotz wiederholter Drohungen und mehrerer Polizeieinsätze kam es zu keinem wirksamen Eingreifen der türkischen Behörden. Ein erwirktes Annäherungsverbot für die Kinder war kurz vor dem Mord gerichtlich auf Grundlage eines Gutachtens, das die vorgebrachten Belege für die Gefährdungslage nicht ausreichend berücksichtigte, aufgehoben worden.
Was ist ein Femizid?
Als Femizid bezeichnet man die Tötung einer Frau oder eines Mädchens aufgrund ihres Geschlechts. Der Begriff geht auf die feministische Soziologin Diana Russell zurück, die ihn 1976 erstmals als Fachbegriff einführte und später als „Tötung von Frauen durch Männer, weil sie Frauen sind“ definierte. Im deutschsprachigen Raum wird er als „tödliche Gewalt gegen Frauen oder eine Frau aufgrund ihres Geschlechts“ verstanden.
Der eng verwandte Begriff des Feminizids geht darüber hinaus: Er macht sichtbar, dass diese Taten nicht isoliert geschehen, sondern in patriarchalen Machtverhältnissen verwurzelt sind. Feminizid benennt nicht nur die geschlechtsspezifische Motivation der Tat, sondern auch das systematische Versagen staatlicher Institutionen, Frauen zu schützen. Damit rückt er die Verantwortung von Gesellschaft, Justiz und Politik in den Fokus.
Feminizid ist somit kein „Beziehungsdrama“ oder individuelles Fehlverhalten, sondern ein strukturelles Problem patriarchaler Gewalt. Er entsteht aus einem Machtverständnis, in dem Männer Anspruch auf Kontrolle über Frauen erheben – und in dem diese Kontrolle im Extremfall mit tödlicher Gewalt durchgesetzt wird. Wenn staatliche Schutzmechanismen unzureichend greifen oder Gewalt verharmlost wird, wird dieses System stabilisiert.
Was ist ein Filizid?
Als Filizid bezeichnet man die absichtliche Tötung eines Kindes unter 18 Jahren durch einen Elternteil. Wissenschaftlich untersucht wird das Phänomen seit den späten 1960er Jahren; international breiter erforscht wurde es erst in den 1990er und 2000er Jahren.
Die Forschung zeigt: Mütter und Väter, die ihre Kinder töten, folgen grundlegend unterschiedlichen Mustern. Mütterliche Filizide ereignen sich überwiegend kurz nach der Geburt, oft im Kontext von Armut, Isolation und psychischen Erkrankungen. Väterliche Filizide hingegen betreffen häufiger ältere Kinder und stehen fast immer im Zusammenhang mit Trennung, Partnerschaftsgewalt oder dem Versuch, Kontrolle zurückzugewinnen.
Der Zusammenhang zwischen Femizid und Filizid
Wenn Väter ihre Kinder töten, geschieht dies der Forschung zufolge häufig nicht primär wegen der Kinder selbst. Eine australische Übersichtsstudie von 2024 ordnet solche Fälle patriarchalen Gewaltstrukturen zu: Das Kind werde zum Werkzeug oder zur Waffe, mit der Männer Macht über Frauen ausüben, im Leben wie im Tod. Väterlicher Filizid als vermeintlicher Racheakt an der Partnerin gilt in manchen Datensätzen als eines der häufigsten dokumentierten Tatmotive und wird als besonders extreme Form geschlechtsspezifischer Gewalt eingeordnet.
Beiden Phänomenen liegt eine ähnliche Logik zugrunde: das Verständnis, dass Frauen und Kinder dem Mann zugehören und dass Kontrollverlust – etwa durch eine Trennung – mit Gewalt beantwortet werden kann. Öffentlich und in Medienberichten werden solche Taten häufig als „Familientragödien“ oder „Familiendramen“ bezeichnet. Diese Rahmung blendet die strukturelle, geschlechtsspezifische Dimension aus und verlagert die Taten in den Bereich des Privaten und Ausnahmehaften.
Strukturelles Versagen: Der Fall Türkei
Der Fall Cemile Yıldız steht exemplarisch für ein strukturelles Versagen, das über den Einzelfall hinausgeht. In der Türkei existiert seit 2012 ein Schutzgesetz (Artikel 6284), das Frauen und Kindern bei Gefährdung sofortige Schutzmaßnahmen garantieren soll, etwa Kontaktverbote oder Wohnungsverweise. In der Praxis greift es jedoch oft nicht: Verfahrensfehler bei der Zustellung, fehlende Durchsetzung und ein breiter richterlicher Ermessensspielraum beim Strafmaß schränken seine Wirksamkeit erheblich ein.
Laut der türkischen Frauenrechtsorganisation KCDP wurden 2024 mindestens 20 Frauen ermordet, die zum Zeitpunkt ihrer Tötung ein Annäherungsverbot erwirkt hatten. Seit dem Austritt der Türkei aus der Istanbuler Konvention zum Schutz von Frauen und Kindern im Jahr 2021 wurden mehr als 5.600 Frauen getötet, die meisten durch ihre Ehemänner oder Ex-Partner.
Auch statistisch bleibt das Ausmaß von Filiziden in der Türkei weitgehend unsichtbar: Eine systematische Erfassung von Tötungen von Kindern durch Elternteile existiert nicht. Das nichtstaatliche Kinderrechtezentrum FISA dokumentiert deshalb seit Jahren Medienberichte zu solchen Fällen. In den vergangenen zwei Jahren wurden demnach mindestens 27 Kinder im Rahmen häuslicher Gewalt und 22 durch geschlechtsspezifische Gewalt getötet.
Situation in Deutschland
In Deutschland werden nach aktuellen Daten jede Woche etwa drei Frauen von ihrem aktuellen oder früheren Partner getötet. Im Jahr 2023 waren es 155 erfasste Fälle. Deutschland liegt damit im europäischen Mittelfeld; die Zahl der getöteten Frauen ist hier höher als etwa in Frankreich, Finnland oder den Niederlanden.
Einen eigenständigen Straftatbestand „Femizid“ gibt es in Deutschland nicht. Die Taten werden nach den bestehenden Normen zu Mord und Totschlag verfolgt. Die Frage nach einem gesonderten Tatbestand und dessen symbolischer wie statistischer Wirkung wird in Fachkreisen und der Politik diskutiert.
Quellen:
- Tagesspiegel-Bericht (15.03.2026)
- KCDP (KadınCinayetleriniDurduracağızPlatformu)
- FISA (Kinderrechtezentrum)
- Mor Çatı (Frauenrechtsorganisation)
- Bundeszentrale für politische Bildung: „Was bedeutet Femizid?“
- Russell (1990, 2011)
- Lagarde (2004)
- WHO (2012)Â
- Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2023
