Interview: Patriarchale Rollenbilder und militaristische Logik

Mira gegen die Wehrpflicht

Ich bin Mira, 18 Jahre alt und wurde letztes Jahr im Winter durch einen Insta-Post auf den ersten Protest gegen die Wehrpflicht aufmerksam. Damals am 5.12. wurde das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz beschlossen, welches eine Musterungspflicht für alle jungen Männer ab dem Jahrgang 2008 vorsieht.

Ich trug dies weiter in meine Freundesgruppe und Kurse und wir diskutierten viel. Klar war, dass man der Militarisierung in Deutschland und besonders der Wehrpflicht trotzen muss. Für mich schien es ebenso, als ob dies eine Bewegung ist, nicht nur die Kraft haben könne, viele Jugendliche kurzzeitig zu mobilisieren, sondern die strukturellen Ungerechtigkeiten einzuordnen und konkret anzugehen. Das motivierte mich sehr, sodass ich, bevor sich die Streikvernetzung im Osten gründete, auch zu den berlinweiten Plena ging und da auf eine Vielzahl von engagierten Jugendlichen stieß, die etwas verändern wollten.

Das gab mir Kraft und Hoffnung, denn gerade die Mobilisierung der Jugend, war nach FFF nie wieder so zentral und aktuell gewesen. Auch meine Schwester bekam eine Postkarte mit ihrem Namen auf grünem Camouflagemuster, oder ein Freund bekam den Fragebogen pünktlich zu seinem 18. Geburtstag, was mich natürlich auch weiter zum Handeln antrieb.

Feministische Perspektive

Obwohl ich nicht selber von dem neuen Wehrdienst betroffen bin, spüre ich große Solidarität mit all denjenigen, die einen Fragebogen erhalten. Ich möchte, dass niemand an der Waffe sterben muss. Vor allem aber lehne ich die Wehrpflicht ab, weil sie ein notwendiger Teil ist, um Deutschland kriegstüchtig zu machen. Ich bin gegen Militarisierung, und dies auch aus einer feministischen Haltung!

Krieg und Militarisierung folgen immer der Logik von Ausbeutung und Macht. Das Patriarchat definiert Männlichkeit und Weiblichkeit, ihre Rollen, ihre Werte, ihre Charakteristika, und verlangt, dass Männer wie Frauen sich überall und zu jeder Zeit entsprechend verhalten sollen. Der Militarismus nutzt diese beiden Sets von Rollen und Charakteristika, um zu sagen, was wünschenswert ist und was nicht, was kontrolliert und beherrscht werden soll und wie dies geschehen soll. Gerade in der Bundeswehr sind diese hierarchischen, patriarchal geprägten Strukturen stark sichtbar. Der Militarismus ist sozusagen, die verschärfte Form der Werte einer patriarchalen Kultur.

Im Zuge, die Gesellschaft kriegstüchtig zu machen, gewinnt frauenfeindliches Gedankengut wieder mehr Zuspruch. Dieser Backlash lässt sich besonders medial gut erkennen. Nicht mehr nur die AfD spricht von „Vaterland“ oder vom Traum der traditionellen Familie. Gleichzeitig bekommt der Tradwife-Trend auf Social Media immer mehr Aufmerksamkeit und romantisiert das Leben der „Hausfrau“. Des Weiteren, verbringen Frauen immer noch 43,8 % mehr Zeit mit unbezahlter Arbeit wie Putzen, Kochen, Versorgung und Erziehung als Männer. Der Zwang zur Waffe ist im Ernstfall bisher zwar nur für Männer vorgesehen, jedoch ist dies nur möglich, wenn die Frau zu Hause bleibt und sich kümmert. Ohne die unsichtbare Basis aus Versorgung, Pflege, Kinderbetreuung und emotionale Unterstützung würden die Wirtschaft und staatliche Ordnung kollabieren. Gerade in und nach Krisen ist diese Fürsorgearbeit essenziell für das Überleben der Zivilbevölkerung. Und das, obwohl Frauen meist nicht am Tisch sitzen, wenn es darum geht, Kriege anzuzetteln. Selbst aktuelle Friedensprozesse bleiben oft reine Machtkämpfe zwischen Kriegsparteien verhandelt, traditionell von Militärs und ranghohen Diplomaten.

Studien zeigen, dass Friedensabkommen jedoch nachweislich stabiler und langlebiger sind, wenn Frauen aktiv in den Prozess eingebunden sind. Das alles macht klar, wie sehr die Militarisierung und patriarchale Strukturen miteinander verknüpft sind und wie wichtig es ist, dass die Antikriegsbewegung gleichzeitig die Befreiung der Frau, zum selben Kampf dazu zählt.

Protest und Gesellschaft

Die Bewegung gegen die Wehrpflicht tritt mit einem klaren Klassenbewusstsein auf und präsentiert sich kämpferisch – gegen Krieg und Kapital. Die Idee ist, eine breite Bewegung zu schaffen, ohne jedoch die Grundsätze zu verwässern. Das ist jedoch gar nicht so einfach, und sorgt für Diskussionen; Ole Nymon und Simon David Dressler, zwei prominente pazifistische Stimmen in der Wehrpflichtsdebatte, kritisierten beispielsweise zuletzt die Strategie der Schulstreikbewegung. Neben anderen Punkten ließe sich mehr Radikalität wünschen, gerade bei medialer Präsenz. Auf der anderen Seite wurde die Nein-zur-Wehrpflicht-Bewegung in der Medienlandschaft vielfach als extrem und linksradikal betitelt, mit Verweis auf die SDAJ. Die Aufbruchsstimmung vom Beginn innerhalb der Bewegung ist mittlerweile verflogen, doch dies war zu erwarten.

Jetzt geht es eben darum, dass die Bewegung wächst, und tatsächlich habe ich das Gefühl, dass auch immer mehr jüngere Menschen dazustoßen. Das ist besonders wichtig, wenn man bedenkt, dass auch viele nun zu dieser Zeit Abi machen, so wie ich, und wir dadurch nächstes Jahr nicht mehr selbst in den Schulen aktiv sein können. Die Bildung und Stärkung der Streikkomitees ist eines der Hauptziele. So können Schüler:Innen am besten und zielgerichtetsten aktiv werden, aus jeder Lebenssituation. Aus diesem Grund stellen auch die kommenden Sommerferien eine Herausforderung dar. Ich bin aber recht zuversichtlich, dass dies erst der Anfang der Bewegung ist; Die aktuelle Datenlage zeigt, dass die Jugend keine Lust hat, für Deutschland zu kämpfen und solange es nicht genug Soldat:Innen gibt, bleibt das Thema aktuell. Genauso wie die Frustration der Jugend nicht gehört, immer wieder übergangen und nun zum Sterben geschickt zu werden.

Ausblick

Gesellschaftlich müsste sich vieles ändern, aber am meisten bin ich immer wieder von der aktuellen Debatte geschockt. Wenn ich morgens Deutschlandfunk höre, dann geht es zumeist um Krieg, Russland und Verteidigung. Die deutsche Aufrüstung wird wie die notwendige Konsequenz der weltpolitischen Geschehnisse dargestellt.

Ja, fast als wäre es ein Naturgesetz: Entweder wird Deutschland kriegstüchtig oder diese Gesellschaft wird unter russischer Tyrannei zugrunde gehen. Das ist nicht nur falsch, sondern höchst gefährlich und führt zu Angst und Unsicherheit. Dazu kommt,die unentwegte Erzählung des nationalen Wirs. „Wir, die wir uns verteidigen müssen!“ Doch schlussendlich liegen wir eben nicht Seite an Seite mit unserem Bundeskanzler im Schützengraben, sondern fast ausschließlich die Jugend, die sich eine andere Perspektive nicht leisten kann.

Nichtmilitärische Lösungen und politische Ansätze treten dabei in den Hintergrund. Stattdessen müssen wir uns um eine Friedenspolitik und gesellschaftliche Fürsorge bemühen, die Krieg und Militarismus als patriarchale, hierarchische und nationalistische Strukturen ablehnt.

Interview mit Mira

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