{"id":3063,"date":"2026-09-10T22:06:37","date_gmt":"2026-09-10T22:06:37","guid":{"rendered":"https:\/\/zenda-info.org\/?p=3063"},"modified":"2026-09-11T12:26:59","modified_gmt":"2026-09-11T12:26:59","slug":"antikurdischer-rassismus-in-deutschland-strukturen-komplizenschaft-und-die-unsichtbarkeit-kurdischer-frauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/antikurdischer-rassismus-in-deutschland-strukturen-komplizenschaft-und-die-unsichtbarkeit-kurdischer-frauen\/","title":{"rendered":"Antikurdischer Rassismus in Deutschland: Strukturen, Komplizenschaft und die Unsichtbarkeit kurdischer Frauen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gastbeitrag von @ChidemLee (chidemlee)<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">I. Einleitung<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer in Deutschland \u00fcber antikurdischen Rassismus spricht, erntet meist Schweigen oder Unverst\u00e4ndnis. Nicht weil das Thema neu w\u00e4re, sondern weil die Mechanismen, die ihn hervorbringen, zugleich dazu beitragen, ihn unsichtbar zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich schreibe diesen Text als kurdisch-alevitische Frau in Deutschland, aus einer Position mehrfacher Marginalisierung, die in diesem Land selten geh\u00f6rt wird. Kurdisch zu sein bedeutet in Deutschland, einer Gruppe anzugeh\u00f6ren, deren politische Anliegen sicherheitspolitisch gerahmt, deren kulturelle Eigenst\u00e4ndigkeit \u00fcbersehen und deren Schutzinteressen regelm\u00e4\u00dfig hinter au\u00dfenpolitischen Erw\u00e4gungen zur\u00fcckgestellt werden. Alevitisch und weiblich zu sein bedeutet, sich an einer Schnittstelle verschiedener Formen von Marginalisierung zu befinden, die sich gegenseitig verst\u00e4rken. Meine Perspektive ist dabei keine individuelle. Sie ist repr\u00e4sentativ f\u00fcr eine Gruppe von Frauen, deren Leben in der deutschen \u00d6ffentlichkeit, in der deutschen Politik und im deutschen Recht systematisch als nachrangig behandelt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Text vertritt eine These, die unbequem ist, aber belegbar: Deutschland hat die kurdische Bewegung nicht aus sicherheitspolitischer Notwendigkeit kriminalisiert, sondern aus diplomatischem Kalk\u00fcl. Gleichzeitig hat es t\u00fcrkisch-nationalistische und islamistische Organisationen, die kurdische Menschen als Feinde betrachten und deren Strukturen deutsche Sicherheitsbeh\u00f6rden seit Jahren als rechtsextremistisch einstufen, als Integrationspartner hofiert. Das Ergebnis ist eine Inlandspolitik, in der die Opfer unter Terrorismusverdacht stehen und die T\u00e4ter Vereinsfreiheit genie\u00dfen. Kurdische Frauen, \u00eaz\u00eedische Kurdinnen, alevitische Kurdinnen tragen die Konsequenzen dieser Politik in ihren K\u00f6rpern, in ihren Biografien, in ihren Traumata, \u00fcber Generationen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">II. Was ist antikurdischer Rassismus?<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Antikurdischer Rassismus wird in Deutschland selten als eigenst\u00e4ndige Kategorie benannt. In \u00f6ffentlichen Debatten tauchen Kurdinnen und Kurden bestenfalls als Unterkategorie auf, subsumiert unter &#8222;T\u00fcrkeist\u00e4mmige&#8220; oder &#8222;Menschen mit Migrationshintergrund&#8220;. Diese Einordnung ist nicht nur ungenau, sie ist selbst ein Ausdruck des Problems. Kurdinnen und Kurden kommen aus vier verschiedenen Staaten, sprechen verschiedene Dialekte, geh\u00f6ren verschiedenen Religionen an, darunter Islam, Alevitentum, \u00caz\u00eedentum, Christentum sowie einer historisch bedeutsamen j\u00fcdischen Gemeinschaft. Was sie verbindet, ist die gemeinsame Erfahrung staatlicher Ausl\u00f6schungspolitik in ihren Herkunftsl\u00e4ndern und struktureller Unsichtbarkeit im Aufnahmeland. Antikurdischer Rassismus leugnet nicht nur individuelle W\u00fcrde, er leugnet kollektive Existenz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders folgenreich ist die Gleichsetzung von kurdischer politischer Identit\u00e4t mit Terrorismus. Ein Teil der kurdischen Bewegung hat sich seit den 1990er Jahren ideologisch grundlegend gewandelt. Abdullah \u00d6calan entwickelte das Konzept des demokratischen Konf\u00f6deralismus, ein Modell das antinationalistisch ist, keinen eigenen Kurdenstaat anstrebt, sondern demokratische Teilhabe, kommunale Selbstverwaltung und Geschlechterbefreiung innerhalb bestehender Staatsgrenzen fordert (vgl. \u00d6calan 2011). Dieses Modell ist antipatriarchal, anti-islamistisch und in seinen Grundwerten der deliberativen Demokratie n\u00e4her als dem, was gemeinhin als Terrorismus bezeichnet wird. Kurdische K\u00e4mpferinnen und K\u00e4mpfer haben in Rojava und im Shingal an vorderster Front gegen den sogenannten Islamischen Staat gek\u00e4mpft. Dass ausgerechnet diese Bewegung in Deutschland als terroristisch eingestuft bleibt, ist das Ergebnis diplomatischen Kalk\u00fcls, nicht sicherheitspolitischer Notwendigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinzu kommt eine tiefe Leerstelle in der deutschen Erinnerungskultur. Der Genozid an den \u00caz\u00eedinnen, die chemischen Angriffe auf Halabja am 16. M\u00e4rz 1988, bei denen rund 5.000 Menschen starben (vgl. NAVEND 2024), das Massaker von Dersim 1937\/38 mit sch\u00e4tzungsweise 13.000 bis 70.000 Toten (vgl. Deniz 2020), all das findet im deutschen \u00f6ffentlichen Bewusstsein keinen angemessenen Platz. Diese Vergessenheit ist politisch funktional. F\u00fcr kurdische Frauen, die diese Geschichte in sich tragen, ist das keine abstrakte Frage. Es ist eine t\u00e4gliche Erfahrung der Ausl\u00f6schung.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">III. Deutsche Au\u00dfenpolitik und kurdisches Leben als Kollateralschaden<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Situation von Kurdinnen und Kurden in Deutschland l\u00e4sst sich nicht losgel\u00f6st von der deutschen Au\u00dfenpolitik betrachten. Die Bundesrepublik unterh\u00e4lt seit Jahrzehnten enge Beziehungen zur T\u00fcrkei, einem NATO-Partner, der kurdische Bev\u00f6lkerungen systematisch verfolgt und kurdische St\u00e4dte bombardiert. Wenn Waffenlieferungen trotz dokumentierter Kriegsverbrechen fortgesetzt werden, wenn t\u00fcrkische Milit\u00e4roperationen gegen kurdische Gebiete diplomatisch abgepuffert werden, ist das keine Nachl\u00e4ssigkeit. Es ist eine Entscheidung, die kurdisches Leben als verhandelbare Gr\u00f6\u00dfe behandelt. Der EU-T\u00fcrkei-Fl\u00fcchtlingsdeal von 2016 versch\u00e4rfte diese Logik: Kritik an der t\u00fcrkischen Kurdenpolitik verstummte auf diplomatischer Ebene weitgehend, w\u00e4hrend kurdische Organisationen in Deutschland verst\u00e4rkter rechtlicher Kontrolle ausgesetzt wurden. \u00c4hnliches zeigt die Syrienpolitik nach dem Assad-Sturz: Die Bundesregierung n\u00e4herte sich Kr\u00e4ften an, die kurdische Selbstverwaltungsstrukturen bek\u00e4mpfen, ohne die Folgen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung in Rojava ernsthaft zu thematisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders bezeichnend ist der Umgang mit dem \u00caz\u00eedinnen-Genozid. Als der sogenannte Islamische Staat 2014 \u00eaz\u00eedische Gebiete im Shingal \u00fcberfiel, M\u00e4nner massakrierte und Frauen als Sexsklavinnen verschleppte, reagierte Deutschland z\u00f6gerlich. Das Sonderkontingent Baden-W\u00fcrttemberg kam sp\u00e4t und traf auf ein Aufnahmesystem, das weder die Verfolgungsgeschichte der \u00caz\u00eedinnen verstand noch ad\u00e4quate Unterst\u00fctzung bereitstellen konnte. Gleichzeitig wurden IS-R\u00fcckkehrer strafrechtlich oft milder behandelt als kurdische Aktivistinnen nach \u00a7129b. Die Opfer des Genozids bekamen keinen ad\u00e4quaten Schutz, w\u00e4hrend die Bewegung, die gegen den IS gek\u00e4mpft hatte, weiterhin unter Terrorismusverdacht stand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das PKK-Verbot von 1993 hat eine rechtliche Infrastruktur geschaffen, die kurdisches zivilgesellschaftliches Leben strukturell kriminalisiert (vgl. VDJ 2023). Wer eine kurdische Fahne zeigt, wer in einem kurdischen Kulturverein aktiv ist, bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone, die f\u00fcr andere Gruppen schlicht nicht existiert. Kriminalisiert wird eine Bewegung, die f\u00fcr demokratische Teilhabe, Geschlechtergleichstellung und kulturelle Selbstbestimmung eintritt, also f\u00fcr Ziele, die der freiheitlich demokratischen Grundordnung nicht widersprechen, sondern ihr entsprechen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">IV. Organisierter antikurdischer Rassismus im Inland<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Antikurdischer Rassismus in Deutschland ist organisiert. Er verf\u00fcgt \u00fcber Netzwerke und Strukturen, die weitgehend ungest\u00f6rt operieren d\u00fcrfen, w\u00e4hrend kurdische Organisationen unter Dauerbeobachtung stehen. Die \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung, bekannt als Graue W\u00f6lfe, wird vom Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft und verf\u00fcgt \u00fcber rund 12.900 Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger in Deutschland (vgl. BfV 2025). Ihr Weltbild ist durch t\u00fcrkischen Ultranationalismus gepr\u00e4gt, der Kurdinnen und Kurden, Armenierinnen und Armenier, Aram\u00e4erinnen und weitere Minderheiten als Bedrohung betrachtet. Sie ist tief verwurzelt in Sportvereinen, Kulturzentren und Kommunalpolitik. Dennoch wurde sie nicht verboten. Das ist das Ergebnis jahrzehntelanger diplomatischer R\u00fccksichtnahme auf Ankara (vgl. BfV 2023).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>Eng verzahnt agieren islamistische Netzwerke im Umfeld von Mill\u00ee G\u00f6r\u00fc\u015f, die vom deutschen Staat teilweise als Integrationspartner behandelt werden. F\u00fcr kurdische Muslime, \u00eaz\u00eedische Gefl\u00fcchtete und alevitische Kurdinnen sind diese Strukturen keine Integrationsangebote. Sie sind Orte der Ausgrenzung. Antikurdischer Rassismus beschr\u00e4nkt sich dabei nicht auf t\u00fcrkisch-nationalistische Zusammenh\u00e4nge: Auch arabisch-nationalistische Ideologien wie der Baathismus haben bei der Verfolgung kurdischer Bev\u00f6lkerungen eine bedeutende Rolle gespielt und sind in der deutschen Diaspora pr\u00e4sent.<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Politikerinnen und Politiker, die antikurdischen Rassismus benennen oder kurdische Schutzinteressen einfordern, sehen sich systematischen Verdr\u00e4ngungsversuchen ausgesetzt. Wer die \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung beim Namen nennt, wird als PKK-nah diffamiert oder zum Schweigen gebracht. Das PKK-Verbot funktioniert dabei als Delegitimierungswerkzeug: Jede Positionierung zugunsten kurdischer Interessen kann pauschal in die N\u00e4he des Terrorismus ger\u00fcckt werden, ohne Belege. F\u00fcr kurdische Frauen, die h\u00e4ufig die tragenden Strukturen kurdischer Zivilgesellschaft aufrechterhalten und \u00f6ffentlich sichtbar sind, bedeutet das permanente Exponierung gegen\u00fcber Einsch\u00fcchterungsversuchen und koordinierten Hetzkampagnen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">V. Mediale Unsichtbarkeit und kriminalisierende Darstellung<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurdinnen und Kurden erscheinen in der deutschen Berichterstattung \u00fcberwiegend als Opfer humanit\u00e4rer Krisen oder als Gegenstand sicherheitspolitischer Debatten. Als eigenst\u00e4ndige politische Akteurinnen kommen sie kaum vor. T\u00fcrkische Staatspositionen werden regelm\u00e4\u00dfig als sachlicher Ausgangspunkt behandelt, kurdische Perspektiven hingegen gelten selten als neutral. Der Fall des Journalisten Michael Born verdeutlicht, wie tief diese Logik in deutschen Redaktionen verankert war: Born lieferte in den 1980er und 1990er Jahren inszenierte Reportagen f\u00fcr Stern TV und Spiegel TV, darunter vollst\u00e4ndig gestellte Darstellungen von PKK-Mitgliedern beim Bombenbau. Statisten wurden mit Kost\u00fcmen und falschen B\u00e4rten ausgestattet. Die Redaktionen nahmen das Material unkritisch ab. Born lieferte, was Redaktionen nachfragten. Das Bild der PKK als Terrororganisation war bereits gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass sich daran bis heute wenig ge\u00e4ndert hat, zeigt die Spiegel-Berichterstattung zu Rojava Anfang 2025. W\u00e4hrend Videos kursierten, die zeigten, wie islamistische K\u00e4mpfer die abgeschnittenen Z\u00f6pfe get\u00f6teter kurdischer K\u00e4mpferinnen als Kriegstroph\u00e4en pr\u00e4sentierten und Leichen von K\u00e4mpferinnen gesch\u00e4ndet und von Geb\u00e4uden geworfen wurden, w\u00e4hlte der Spiegel einen anderen Fokus. Nicht die T\u00e4ter standen im Mittelpunkt, sondern die kurdische Selbstverwaltung als angeblich destabilisierender Machtfaktor. Islamistische Kr\u00e4fte wurden als pragmatische Staatsakteure gerahmt. Es sind dieselben Frauen, die 2014 in Shingal und Koban\u00ea gegen den IS gek\u00e4mpft haben und damals in der deutschen Presse gefeiert wurden (vgl. Civaka Azad 2026). Die Spiegel-Zentrale wurde von Aktivistinnen besetzt, die eine Gegendarstellung forderten. Der Spiegel reagierte nicht.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr kurdische Frauen bedeutet das eine besondere Form der Doppelbestrafung. Die Ermordung von Sakine Cans\u0131z, Fidan Do\u011fan und Leyla \u015eaylemez am 9. Januar 2013 in Paris fand in der deutschen \u00d6ffentlichkeit kaum Resonanz. Verbindungen zum t\u00fcrkischen Geheimdienst MIT waren dokumentiert. Der Tatverd\u00e4chtige starb kurz vor Prozessbeginn unter ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden (vgl. Civaka Azad 2026). Bis heute ist niemand f\u00fcr die Morde bestraft worden. Drei kurdische Frauen wurden ermordet. Deutschland schwieg.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">VI. Kurdisch, weiblich, \u00eaz\u00eedisch, alevitisch: Mehrfache Marginalisierung und transgenerationales Trauma<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurdische Frauen werden in \u00f6ffentlichen Debatten h\u00e4ufig auf stereotype Rollen reduziert: als Opfer patriarchaler Strukturen, als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr kulturalisierende Erkl\u00e4rungsmuster, die Gewalt ethnisieren statt sie strukturell zu analysieren. Diese Kulturalisierung ist selbst eine Form des Rassismus. Sie entzieht kurdischen Frauen politische Subjektivit\u00e4t. Dabei ist die politische Tradition kurdischer Frauen eine der st\u00e4rksten in der Region. Die Jineoloj\u00ee, die kurdische Frauenwissenschaft, verbindet Geschlechterbefreiung, \u00f6kologische Politik und demokratische Selbstverwaltung zu einem eigenst\u00e4ndigen theoretischen Fundament. In Deutschland ist davon kaum etwas bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr \u00eaz\u00eedische Frauen ist diese Mehrfachmarginalisierung noch einmal zugespitzter. 2014 hat der sogenannte Islamische Staat den Genozid an der \u00eaz\u00eedischen Gemeinschaft im Shingal begangen: M\u00e4nner wurden massakriert, Frauen und M\u00e4dchen als Sexsklavinnen verschleppt. Viele \u00dcberlebende kamen nach Deutschland und trafen auf ein Aufnahmesystem, das ihre spezifische Verfolgungsgeschichte nicht kannte. Dass IS-R\u00fcckkehrer strafrechtlich oft milder behandelt wurden als kurdische Aktivistinnen nach \u00a7129b, macht das Ausma\u00df der politischen Schieflage deutlich. F\u00fcr alevitische Kurdinnen kommt eine weitere Dimension hinzu: Das Alevitentum wird in Deutschland als Variante des sunnitischen Islam missverstanden, was seiner eigenst\u00e4ndigen Tradition nicht gerecht wird. Alevitische Kurdinnen befinden sich in einer dreifachen Marginalisierung als Kurdinnen, als Frauen und als Alevitinnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was all diese Frauen verbindet, ist die Last des transgenerationalen Traumas. Kurdische Frauen tragen nicht nur ihre eigene Verfolgungsgeschichte, sondern die ihrer M\u00fctter, Gro\u00dfm\u00fctter, ganzer Generationen. Epigenetische Forschung belegt, dass Trauma biologisch weitervererbt wird, nicht nur kulturell oder narrativ, sondern physiologisch (vgl. Yeke\/Mansuy 2023). Chronische Erkrankungen, Angstst\u00f6rungen, Ersch\u00f6pfung sind keine individuellen Schw\u00e4chen. Das sind kollektive Verletzungen struktureller, staatlicher und historischer Gewalt. Deshalb ist das Empowerment kurdischer Frauen keine Frage der Repr\u00e4sentation allein. Eine Generation kurdischer Frauen, die nicht mehr im Ausnahmezustand leben muss, ist die Voraussetzung daf\u00fcr, dass intergenerationelle Heilung \u00fcberhaupt m\u00f6glich wird.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">VII. Fazit: Benennen als politischer Akt<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Antikurdischer Rassismus in Deutschland ist kein Randthema und kein importiertes Problem. Er ist in deutschen Gesetzen verankert, in deutscher Au\u00dfenpolitik eingeschrieben, in deutschen Institutionen geduldet und in deutschen Medien reproduziert. Er trifft kurdische Frauen mit besonderer Wucht, weil sie an der Schnittstelle mehrerer Ausschlussmechanismen stehen, die sich gegenseitig verst\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was fehlt, ist nicht Evidenz. Was fehlt, ist politischer Wille zur Anerkennung. Anerkennung w\u00fcrde bedeuten, das PKK-Verbot in seiner pauschalen Wirkung auf kurdisches Zivilleben zu \u00fcberpr\u00fcfen, \u00dclk\u00fcc\u00fc-Strukturen konsequent zu bek\u00e4mpfen statt zu dulden, au\u00dfenpolitische Partnerschaften nicht auf Kosten kurdischer Schutzinteressen zu gestalten, \u00eaz\u00eedischen Frauen ad\u00e4quaten Schutz zu garantieren und kurdischen Frauen in deutschen Institutionen, Medien und politischen R\u00e4umen tats\u00e4chlich Platz zu machen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solange das nicht passiert, bleibt die Lage dieselbe: <em><strong>Eine Bewegung, die f\u00fcr Demokratie, Geschlechtergleichstellung und kulturelle Selbstbestimmung eintritt, wird kriminalisiert. <\/strong><\/em>Organisationen, die Minderheiten als Feinde betrachten, werden geduldet. Frauen, die Jahrzehnte der Verfolgung in ihren K\u00f6rpern tragen, werden um Anerkennung k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Benennen ist trotzdem politischer Akt. Nicht weil es allein ausreicht, sondern weil ohne Benennung keine Ver\u00e4nderung m\u00f6glich ist. Was nicht ausgesprochen wird, wird nicht verhandelt. Was nicht verhandelt wird, bleibt.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Sichtbarmachung von antikurdischem Rassismus und die frauenverachtende Gewalt gegen\u00fcber kurdischer Frauen aufgrund ihrer Ethnie oder Religion darf nicht unbeantwortet bleiben. Deswegen ist es wichtig, dass solche F\u00e4lle gemeldet werden. Es gibt aktuell zwei M\u00f6glichkeiten solche F\u00e4lle zu melden:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>das IAKR (Informationsstelle antikurdischem Rassismus)<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>FaTrex (Fachstelle T\u00fcrkischer Rechtsextremismus)<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Quellen und weiterf\u00fchrende Literatur<\/h5>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (2023): T\u00fcrkischer Rechtsextremismus: Die &#8222;Grauen W\u00f6lfe&#8220; in Deutschland. Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz, K\u00f6ln. Online verf\u00fcgbar unter: https:\/\/www.verfassungsschutz.de (zuletzt abgerufen: Juni 2026)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (2025): Verfassungsschutzbericht 2024. Bundesinnenministerium, Berlin, S. 273ff.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Bundesministerium des Innern (1993): Verbot der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Bulletin der Bundesregierung, 26. November 1993, Nr. 222, BAnz 1993, S. 10313f.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Civaka Azad (2026): Wie die Berichterstattung von DER SPIEGEL den Krieg gegen Frauen in Rojava verharmlost. Online verf\u00fcgbar unter: https:\/\/civaka-azad.org (zuletzt abgerufen: Juni 2026)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Civaka Azad (2026): 13 Jahre nach dem Mord an Sakine Cans\u0131z, Fidan Do\u011fan und Leyla \u015eaylemez. Online verf\u00fcgbar unter: https:\/\/civaka-azad.org (zuletzt abgerufen: Juni 2026)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Deniz, D. (2020): Re-assessing the Genocide of Kurdish Alevis in Dersim, 1937-38. Genocide Studies and Prevention: An International Journal, April 2020.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Gesellschaft f\u00fcr bedrohte V\u00f6lker (2018): Irakisch-Kurdistan: 30 Jahre Halabja. Menschenrechtsreport Nr. 83. GfbV, G\u00f6ttingen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Kieser, H.-L. (2000): Der verpasste Friede. Mission, Ethnie und Staat in den Ostprovinzen der T\u00fcrkei 1839-1938. Chronos Verlag, Z\u00fcrich.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>NAVEND, Zentrum f\u00fcr Kurdische Studien e.V. (2024): 36. Jahrestag des Giftgasangriffs auf die kurdische Stadt Halabja\/Helebce. Online verf\u00fcgbar unter: http:\/\/www.navend.de (zuletzt abgerufen: Juni 2026)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u00d6calan, A. (2011): Democratic Confederalism. Transmedia Publishing, London\/K\u00f6ln.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen (VDJ) (2023): 30 Jahre Bet\u00e4tigungsverbot f\u00fcr die PKK: Kein Ruhmesblatt f\u00fcr den Rechtsstaat. Online verf\u00fcgbar unter: https:\/\/www.vdj.de (zuletzt abgerufen: Juni 2026)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Yeke, S. und Mansuy, I. M. (2023): Enhanced harm detection following maternal separation: Transgenerational transmission and reversibility by inhaled amiloride. Science Advances, 9, eadi8750.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Zentrum f\u00fcr Milit\u00e4rgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (2023): Tod in der Luft: Der Giftgasangriff auf Halabdscha am 16. M\u00e4rz 1988. Online verf\u00fcgbar unter: https:\/\/zms.bundeswehr.de (zuletzt abgerufen: Juni 2026)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antikurdischer Rassismus wird in Deutschland selten als eigenst\u00e4ndige Kategorie benannt. In \u00f6ffentlichen Debatten tauchen Kurdinnen und Kurden bestenfalls als Unterkategorie auf, subsumiert unter &#8222;T\u00fcrkeist\u00e4mmige&#8220; oder &#8222;Menschen mit Migrationshintergrund&#8220;. Diese Einordnung ist nicht nur ungenau, sie ist selbst ein Ausdruck des Problems. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3064,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"give_campaign_id":0,"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"set","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-4)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"footnotes":""},"categories":[62,61,63,60],"tags":[234,161,119,218,202],"class_list":["post-3063","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-analysen","category-artikel","category-einordnungen","category-wissen-hintergruende","tag-anti-kurdischer-rassismus","tag-deutschland","tag-frauen","tag-politik","tag-tuerkei"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3063","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3063"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3063\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3068,"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3063\/revisions\/3068"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3064"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3063"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3063"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3063"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}