{"id":2660,"date":"2026-04-29T18:48:28","date_gmt":"2026-04-29T18:48:28","guid":{"rendered":"https:\/\/zenda-info.org\/?p=2660"},"modified":"2026-05-03T10:44:52","modified_gmt":"2026-05-03T10:44:52","slug":"wenn-kinder-zur-waffe-werden-filizid-als-ausdruck-geschlechtsspezifischer-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wenn-kinder-zur-waffe-werden-filizid-als-ausdruck-geschlechtsspezifischer-gewalt\/","title":{"rendered":"Wenn Kinder zur Waffe werden: Filizid als Ausdruck geschlechtsspezifischer Gewalt"},"content":{"rendered":"\n<p>Am 2. Juli 2024 ermordete der Ehemann von Cemile Y\u0131ld\u0131z die gemeinsamen Kinder Do\u011fa (11) und Ya\u011f\u0131z (14) in Ankara. Zuvor hatte er Y\u0131ld\u0131z mehrfach damit gedroht, sie und die Kinder zu t\u00f6ten, nachdem sie ihm mitgeteilt hatte, sie wolle sich scheiden lassen. Ermittler fanden sp\u00e4ter eine Nachricht auf seinem Handy: \u201eIch werde dir eine \u00dcberraschung bereiten, nach der du dir den Tod w\u00fcnschst.&#8220; Er zwang den Sohn, die Mutter per Videoanruf zu kontaktieren, bevor er auch ihn erschoss. Anschlie\u00dfend nahm er sich selbst das Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz wiederholter Drohungen und mehrerer Polizeieins\u00e4tze kam es zu keinem wirksamen Eingreifen der t\u00fcrkischen Beh\u00f6rden. Ein erwirktes Ann\u00e4herungsverbot f\u00fcr die Kinder war kurz vor dem Mord gerichtlich auf Grundlage eines Gutachtens, das die vorgebrachten Belege f\u00fcr die Gef\u00e4hrdungslage nicht ausreichend ber\u00fccksichtigte, aufgehoben worden.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was ist ein Femizid?<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Als Femizid bezeichnet man die T\u00f6tung einer Frau oder eines M\u00e4dchens aufgrund ihres Geschlechts. Der Begriff geht auf die feministische Soziologin Diana Russell zur\u00fcck, die ihn 1976 erstmals als Fachbegriff einf\u00fchrte und sp\u00e4ter als \u201eT\u00f6tung von Frauen durch M\u00e4nner, weil sie Frauen sind&#8220; definierte. Im deutschsprachigen Raum wird er als \u201et\u00f6dliche Gewalt gegen Frauen oder eine Frau aufgrund ihres Geschlechts&#8220; verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der eng verwandte Begriff des Feminizids geht dar\u00fcber hinaus: Er macht sichtbar, dass diese Taten nicht isoliert geschehen, sondern in patriarchalen Machtverh\u00e4ltnissen verwurzelt sind. Feminizid benennt nicht nur die geschlechtsspezifische Motivation der Tat, sondern auch das systematische Versagen staatlicher Institutionen, Frauen zu sch\u00fctzen. Damit r\u00fcckt er die Verantwortung von Gesellschaft, Justiz und Politik in den Fokus.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Feminizid ist somit kein \u201eBeziehungsdrama\u201c oder individuelles Fehlverhalten, sondern ein strukturelles Problem patriarchaler Gewalt. Er entsteht aus einem Machtverst\u00e4ndnis, in dem M\u00e4nner Anspruch auf Kontrolle \u00fcber Frauen erheben \u2013 und in dem diese Kontrolle im Extremfall mit t\u00f6dlicher Gewalt durchgesetzt wird. Wenn staatliche Schutzmechanismen unzureichend greifen oder Gewalt verharmlost wird, wird dieses System stabilisiert.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong><strong>Was ist ein Filizid?<\/strong><\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Als Filizid bezeichnet man die absichtliche T\u00f6tung eines Kindes unter 18 Jahren durch einen Elternteil. Wissenschaftlich untersucht wird das Ph\u00e4nomen seit den sp\u00e4ten 1960er Jahren; international breiter erforscht wurde es erst in den 1990er und 2000er Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Forschung zeigt: M\u00fctter und V\u00e4ter, die ihre Kinder t\u00f6ten, folgen grundlegend unterschiedlichen Mustern. M\u00fctterliche Filizide ereignen sich \u00fcberwiegend kurz nach der Geburt, oft im Kontext von Armut, Isolation und psychischen Erkrankungen. V\u00e4terliche Filizide hingegen betreffen h\u00e4ufiger \u00e4ltere Kinder und stehen fast immer im Zusammenhang mit Trennung, Partnerschaftsgewalt oder dem Versuch, Kontrolle zur\u00fcckzugewinnen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong><strong><strong>Der Zusammenhang zwischen Femizid und Filizid<\/strong><\/strong><\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Wenn V\u00e4ter ihre Kinder t\u00f6ten, geschieht dies der Forschung zufolge h\u00e4ufig nicht prim\u00e4r wegen der Kinder selbst. Eine australische \u00dcbersichtsstudie von 2024 ordnet solche F\u00e4lle patriarchalen Gewaltstrukturen zu: Das Kind werde zum Werkzeug oder zur Waffe, mit der M\u00e4nner Macht \u00fcber Frauen aus\u00fcben, im Leben wie im Tod. V\u00e4terlicher Filizid als vermeintlicher Racheakt an der Partnerin gilt in manchen Datens\u00e4tzen als eines der h\u00e4ufigsten dokumentierten Tatmotive und wird als besonders extreme Form geschlechtsspezifischer Gewalt eingeordnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Beiden Ph\u00e4nomenen liegt eine \u00e4hnliche Logik zugrunde: das Verst\u00e4ndnis, dass Frauen und Kinder dem Mann zugeh\u00f6ren und dass Kontrollverlust \u2013 etwa durch eine Trennung \u2013 mit Gewalt beantwortet werden kann. \u00d6ffentlich und in Medienberichten werden solche Taten h\u00e4ufig als \u201eFamilientrag\u00f6dien&#8220; oder \u201eFamiliendramen&#8220; bezeichnet. Diese Rahmung blendet die strukturelle, geschlechtsspezifische Dimension aus und verlagert die Taten in den Bereich des Privaten und Ausnahmehaften.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong><strong><strong><strong>Strukturelles Versagen: Der Fall T\u00fcrkei<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Der Fall Cemile Y\u0131ld\u0131z steht exemplarisch f\u00fcr ein strukturelles Versagen, das \u00fcber den Einzelfall hinausgeht. In der T\u00fcrkei existiert seit 2012 ein Schutzgesetz (Artikel 6284), das Frauen und Kindern bei Gef\u00e4hrdung sofortige Schutzma\u00dfnahmen garantieren soll, etwa Kontaktverbote oder Wohnungsverweise. In der Praxis greift es jedoch oft nicht: Verfahrensfehler bei der Zustellung, fehlende Durchsetzung und ein breiter richterlicher Ermessensspielraum beim Strafma\u00df schr\u00e4nken seine Wirksamkeit erheblich ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Laut der t\u00fcrkischen Frauenrechtsorganisation KCDP wurden 2024 mindestens 20 Frauen ermordet, die zum Zeitpunkt ihrer T\u00f6tung ein Ann\u00e4herungsverbot erwirkt hatten. Seit dem Austritt der T\u00fcrkei aus der Istanbuler Konvention zum Schutz von Frauen und Kindern im Jahr 2021 wurden mehr als 5.600 Frauen get\u00f6tet, die meisten durch ihre Ehem\u00e4nner oder Ex-Partner.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch statistisch bleibt das Ausma\u00df von Filiziden in der T\u00fcrkei weitgehend unsichtbar: Eine systematische Erfassung von T\u00f6tungen von Kindern durch Elternteile existiert nicht. Das nichtstaatliche Kinderrechtezentrum FISA dokumentiert deshalb seit Jahren Medienberichte zu solchen F\u00e4llen. In den vergangenen zwei Jahren wurden demnach mindestens 27 Kinder im Rahmen h\u00e4uslicher Gewalt und 22 durch geschlechtsspezifische Gewalt get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong><strong><strong><strong><strong>Situation in Deutschland<\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>In Deutschland werden nach aktuellen Daten jede Woche etwa drei Frauen von ihrem aktuellen oder fr\u00fcheren Partner get\u00f6tet. Im Jahr 2023 waren es 155 erfasste F\u00e4lle. Deutschland liegt damit im europ\u00e4ischen Mittelfeld; die Zahl der get\u00f6teten Frauen ist hier h\u00f6her als etwa in Frankreich, Finnland oder den Niederlanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen eigenst\u00e4ndigen Straftatbestand \u201eFemizid&#8220; gibt es in Deutschland nicht. Die Taten werden nach den bestehenden Normen zu Mord und Totschlag verfolgt. Die Frage nach einem gesonderten Tatbestand und dessen symbolischer wie statistischer Wirkung wird in Fachkreisen und der Politik diskutiert.<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Tagesspiegel-Bericht (15.03.2026)<\/li>\n\n\n\n<li>KCDP (Kad\u0131nCinayetleriniDurduraca\u011f\u0131zPlatformu)<\/li>\n\n\n\n<li>FISA (Kinderrechtezentrum)<\/li>\n\n\n\n<li>Mor \u00c7at\u0131 (Frauenrechtsorganisation)<\/li>\n\n\n\n<li>Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung: \u201eWas bedeutet Femizid?&#8220;<\/li>\n\n\n\n<li>Russell (1990, 2011)<\/li>\n\n\n\n<li>Lagarde (2004)<\/li>\n\n\n\n<li>WHO (2012)\u00a0<\/li>\n\n\n\n<li>Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2023<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Forschung zeigt: M\u00fctter und V\u00e4ter, die ihre Kinder t\u00f6ten, folgen grundlegend unterschiedlichen Mustern. M\u00fctterliche Filizide ereignen sich \u00fcberwiegend kurz nach der Geburt, oft im Kontext von Armut, Isolation und psychischen Erkrankungen. V\u00e4terliche Filizide hingegen betreffen h\u00e4ufiger \u00e4ltere Kinder und stehen fast immer im Zusammenhang mit Trennung, Partnerschaftsgewalt oder dem Versuch, Kontrolle zur\u00fcckzugewinnen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2661,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"give_campaign_id":0,"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"set","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-4)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"footnotes":""},"categories":[61,60],"tags":[],"class_list":["post-2660","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-wissen-hintergruende"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2660","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2660"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2660\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2662,"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2660\/revisions\/2662"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2661"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2660"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/zenda-info.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}